Es ist Haushaltstag. Es muss Ordnung geschaffen werden. Wie es hier wieder aussieht. Alles liegt rum und mit Brille sehen die Ecken auch nicht mehr so schön aus, wie gedacht. Meine Oma würde sagen: Ihr verlottert ja. Zum Glück kennt sie meinen Waschkeller nicht.
Bevor ich überhaupt loslegen kann, blinkt schon der Dampfautomat. Und das sehr hektisch. Die letzten Male, die ich ihn eingeschaltet habe, hatte ich das Gefühl, er will sehr laut auf sich aufmerksam machen. Kann so ein Gerät lauter blinken, wenn es dringlicher wird? Seinen Vorgänger habe ich auf jeden Fall – und ich habe immer noch ein schlechtes Gewissen deswegen – durch Missachtung und Aufschieberitis irgendwann in den Kalktod geschickt.
Aus dem armen Kerl kamen beim Dampfen schon ganze Steine heraus. Und als ich mich dann endlich dazu durchringen konnte etwas zu tun, habe ich ihm wohl die inneren Dichtungen weggeätzt. Sein Wasser lief aus allen Ritzen, mit einem kapitalen Puff sind alle Sicherungen geflogen und ich stand im Dunkeln.
Seitdem weiß ich: Auch Essig muss man mit Vorsicht genießen. Ich bin inzwischen auf Zitronensäure umgestiegen.
Warum Zitronensäure jetzt besser ist als Essig, ist für mich so verständlich wie die sprichwörtlichen Böhmischen Dörfer. Dabei hatte ich mal Chemie-Leistungskurs. Heute heißt das wohl Chemie auf erhöhtem Niveau.
Die Organische Chemie war mein Steckenpferd. Daran erinnere ich mich gut. Sie ist wunderbar logisch und lässt sich kurzerhand errechnen. Irgendwo wandert jedenfalls immer ein Sauerstoffmolekül zum Wasserstoff. Oder ist es umgekehrt? Die beiden haben nämlich eine unglaubliche Anziehungskraft. Danach ist alles wieder im Lot oder wird bunt und machmal macht es eben auch Puff.
Die Wahrheit ist: Ich weiß nichts! Alles ist weg!
Das Einzige, was noch da ist, ist das Wissen, dass ich Elektrochemie nicht geblickt habe. Und dass ich es nach der ersten Klausur in der Oberstufe mit der Angst zu tun bekam. Mit nur drei Punkten im Leistungskurs besteht man kein Abitur.
In der Nacht vor meiner schriftlichen Prüfung wurde ich von irgendeinem AC-Minus-Molekül gejagt. In dieser Prüfung habe ich mir – mit ohne Verständnis, dafür mit viel bulämischem Lernen und einem kleinen entdeckten System, das erstaunlicherweise immer zum richtigen Ergebnis führte – ganze zwölf Punkte erarbeitet.
Ziel erreicht.
Cache geleert.
Viele Jahre später fragt mich mein Bruder, wie diese Tafel im Chemieraum noch mal hieß.
„Kein Plan“, war meine Antwort.
Ich flöße schnell noch etwas von der aufgelösten Zitronensäure in mein Bügeleisen. Das muss jetzt erstmal wirken. Glaube ich.
Auch alle anderen verkalkungsgefährdeten Maschinen bekommen noch ein Löffelchen von dem guten Zeugs, vorsichtshalber.
Und dann fühle ich mich aufrichtig produktiv und erstaunlich kompetent. Vielleicht war der Chemie-Leistungskurs doch nicht umsonst. Mein zweiter Dampfautomat lebt noch.