Mein Mann sagt ständig zu mir, ich solle mich anständig hinsetzen. Mit anständig hinsetzen meint er nicht das Gegenteil von unanständig hinsetzen. Ich sitze nicht im Minirock „Basic Instinct“ – like breitbeinig in irgendwelchen Meetings und verführe zu Gedankenspielen. Das hätte zur Zeit des Home-Offices auch wenig Effekt.
Obwohl, Zoom-Meetings eignen sich eigentlich ziemlich gut für geheime Experimente und man könnte gefahrlos über sich hinaus experimentieren. Wie es sich wohl in einem Meeting in einer Spider-Man-Pyjamahose besprechen lässt. Oder für die ganz Verwegenen: Ohne Schlüpper.
Mein unanständiges Sitzen bezieht mein Mann auf meine gesundheitlich bedenkliche Sitzpositionen für Knie und Rücken. Er meint es fürsorglich mit mir. Nicht dass wir uns falsch verstehen. Wir führen eine moderne, gleichberechtigte Ehe mit klassischer Arbeitsteilung.
Er den Müll, ich die Wäsche.
Da pfuscht keiner dem anderen rein. Die Kinder halten sich lieber raus aus der Arbeitsteilung.
Mein Mann beschützt sein Territorium. Er möchte auf keinen Fall wegen irgendwelcher meinerseits initiierter orthopädisch nicht empfohlenen Sitzpositionen hervorgerufenen Zipperlein den Wäscheblock übernehmen müssen. Er kennt meinen Körper besser als ich. Fuß, Rücken und Knie verzeihen mir schlechtes Sitzen auf die Dauer leider nicht.
Zickige Jeans übrigens auch nicht.
Eine hat vorgestern aufgegeben.
Es war ein gemütlicher Abend auf dem Sofa. So gemütlich, dass der eine Fuß dringend unter den Hintern musste. Und dann: Dann war der Druck groß. Es war eine wunderbare Jeans. Der perfekte Sitz. Die perfekte Farbe. Wieso halten diese Dinger nur zwei Jahre?
Mein Nachhaltigkeitsgewissen schlägt unmittelbar zu. Was mache ich jetzt mit dieser Jeans? Wegschmeissen geht gar nicht!
Risse in Hosen begleiten mich schon über die Jahrzehnte. In den siebziger Jahren schmückten große rote Cordflicken meine Hosen. Manchmal auch in Braun.
In den Achzigern ratterte die Nähmaschine unentwegt über gerissene Stoffe. Hautenge Jeans krachten. Weite auch. Löcher wurden zu Mode-Accessoires und mit Tüll und Spitze unterfüttert oder mit einfachem Zickzackstick zusammengehalten. Manche Löcher durften bleiben und gaben sexy Einblicke.
In den Neunzigern lief ich in Jeans rum, deren Originalstoff quasi nicht mehr vorhanden war. Die Zehen verfingen sich beim Anziehen in stehengebliebenen Kettfäden und im Winter zog es überall kalt rein. Meine Mutter war entsetzt. Aber unversehrte Jeans trugen nur Spießer.
Ab den Zweitausenderjahren gab es Jeans mit Löchern im Laden zu kaufen. Used-Look. Das Mittelkind wollte sowas. Was für ein Quatsch. Ich kaufe doch keine kaputten Hosen.
Die alten Zeiten sind wieder da. Die Hosenbünde wachsen bis zur Taille und nennen sich plötzlich High Waist. Die Stoffe werden fester. Der Elastananteil sinkt. Und damit sie nicht so altbacken daher kommen, nennen sie sich Mom-Jeans. Was für ein Quatsch. Aber das nennt sich wohl Kreislauf. Alles in ständiger Wiederholung.
Ich sitze also wie immer, so wie meine Kinder es auch nicht sollen. Das ist weder gut für meine Knie noch für meine Hosen. Ein schwungvoller Schneidersitz am Esstisch hier und ein unterschobenes Bein auf dem Sofa dort und mein himmelblauer Wegbegleiter kracht.
Die Nähmaschinentechnik beherrsche ich immer noch. Aber dieser Strich über dem Knie sieht sehr einsam aus.
Sollte ich vielleicht noch ein bisschen mit der Schere …