Ein riesiger Berg frischer, trockener, völlig verknüllter Wäsche jeglicher Art überhäuft das Bügelbrett. Es ist kaum möglich, noch mehr Kleidungsstücke oben drauf zu stapeln. Hier und da lösen sich bereits einzelne Socken und stürzen sich kamikaze-mäßig zu Boden. Fraglich, ob sie je ihren Partner wieder finden werden. Sie werden womöglich für immer getrennt sein. Welch Drama.
So stehe ich also zwei Etagen unter meinen Saboteuren, gucke einigermaßen genervt auf den Stau-Berg und es ergeben sich daraus zwei Möglichkeiten: Ignorieren oder den Dingen ins Augen sehen.
Ich probiere erstmal die Vogelstrauß Perspektive. Die funktioniert mit Wäsche ganz prima, wenn man einen Wäschekeller besitzt.
Beim Wiederauftauchen muss man nicht mal Sand aus den Ohren pulen. Höchstens ein paar Fussel.
Der Ursprung dieses Chaos’ lässt sich eventuell mit einem Mangel an entsprechenden Behältnissen begründen. Gewaschene Wäsche findet zwar theoretisch Abnehmer, aber keine Transportmöglichkeit. Alle Wäschekörbe befinden sich zwei Stockwerke höher beim Nachwuchs. Die Logistik ist fehlerhaft. Die Arbeitskette unterbrochen. Das Transportwesen im Hause ist zusammengebrochen. Das Personal streikt oder hat sich aus dem Staub gemacht.
Hier herrscht so eine Art Wexit – Wäsche-Exit.
Der Weg nach oben scheint eine Einbahnstraße zu sein. Die Sprösslinge sind überzeugt, dass der Wäscherückweg ausschließlich durch das Fallrohr im Obergeschoss führt. Ein ganzer Korb passt da nun mal nicht durch.
Google Maps liefert auch keine geeignete Route für den Rückweg. Folglich bleiben die Dinger oben, vorzugsweise gefüllt mit ungeliebtem Kram, der auf keinen Fall in die Schränke soll.
Siri ist ratlos. Entschuldigung – ich habe die Frage nicht verstanden.
Keine Antwort für das Transportproblem und keine Antwort für die Entsorgung der Unwanted-Things.
Der Standort meines heutigen Berges ist für die Vogelstrauß-Methode sehr geeignet und rückenschonend. Ich muss nur meinen Kopf ein wenig neigen, den oberen Rücken etwas beugen und mich langsam nach vorne sinken lassen.
In meinem Berg ist es angenehm dumpf, weich und – was soll ich sagen: es ist herrlich. Für empfindliche Nasen empfiehlt es sich, vorher zu prüfen, ob man nicht doch aus Versehen beim Sinkenlassen den Haufen mit dreckiger Wäsche erwischen wird. Diese Gefahr ist bei mir gerade nicht groß. Die schlechten Hügel liegen in der Regel nicht auf, sondern unter dem Brett.
Während ich mich also der Ich-seh-dich-nicht-ich-kenn-dich-nicht-Methode hingebe, dämmert mir, dass ich so nicht weiterkomme. Es ist fast wie mit der Rentenlücke. Alles keine unmittelbaren Probleme, aber ignorieren hilft auch nicht.
Das mit der Rente zum Beispiel. Das ist irgendwie subtil. Das schleicht sich von hinten ganz unbemerkt ins Leben. Zuerst geht es nur die Großeltern etwas an. So vom Alter her. Glaubt man. Glaubt man auch noch, wenn man anfängt diese nervigen Bescheide zu bekommen, die man bestenfalls abheftet. Auf jeden Fall nicht anguckt. Versteht man sowieso nichts.
Deshalb merkt man auch nicht, was die einem so schreiben und dass das wichtig sein könnte. Und wissen will man das alles eigentlich auch nicht wirklich. Man müsste sich dem unbequemen Thema ja dann nähern.
Und irgendwann geht man zufällig an einem x-beliebigen Spiegel vorbei und stellt eine gewisse Ähnlichkeit mit seiner schon längst verstorbenen Großmutter fest.
Spätestens jetzt sollte man sich fragen, ob man eigentlich mit dem Klammerbeutel gepudert ist, das Thema Altersvorsorge nicht schon im Kindergarten als Leistungsfach belegt zu haben. Ich kann Euch nur raten: Macht die Augen auf!
Ich ziehe also seufzend meinen Kopf wieder aus der Wäsche und hole mir die Körbe selbst. Nützt ja nix.