Die Weißwasche ist fertig. Mal sehen, was aus dem Top der Mitteltochter geworden ist. Mitten auf der Brust breitet sich ein rostroter bis lilablauer Schatten aus. Er läuft asymmetrisch über die Kantensäume Richtung Bauch. Oder umgekehrt? Der Fleck ist jedenfalls unverändert.
In meinem Kopf spielt sich ein Filmchen in Zeitlupe ab. Ein großer Becher – vielleicht sogar ein halber Liter – ergießt sich auf das Kind, das kein Kind mehr ist. Oder wurde von etwas weiter weg im Eifer des Gefechts mit Schwung in ihre Richtung geleert oder konnte einfach im Gerempel nicht mehr stabilisiert werden und hat sich der Erdanziehung hingegeben. Alles Szenarien, die man schon tausendmal beobachtet hat. Und auch erlebt. In meinem Keller ist die Frage nach dem Wie aber eigentlich irrelevant. Die eigentliche Frage müsste lauten: Was hat sie sich da bloß raufgekippt.
„Das war KaMu“, kam als Erklärung.
KaMu scheint etwas zu sein, das trotz Vorbehandlung und anständiger Weißwäsche hartnäckige Flecken hinterlässt. Was ist KaMu?
„Ach Mami, das ist Kalte Muschi“
„Ach so…!“
„Kennste nicht, ne? Das ist eine Mische aus Cola und Rotwein. Fünfzig Fünfzig.“
Boah…wer trinkt denn sowas…?!
Kurz muss ich an unseren Urlaub in Nordspanien denken, wo wir unseren Sohn auf seinem Sabbatical besucht haben. Cola-Rotwein habe ich doch schon mal gehört. Im Baskenland wurden sehr viele, sehr große Rotweingläser dekoriert mit Orangenscheiben und gefüllt mit einem braunroten Gebräu über den Tresen gereicht. Ich wollte das nicht probieren.
Die Basken haben die Mischung übrigens erfunden und sie in den Siebzigerjahren Kalimotxo genannt. Irgendwann haben die Spanier sie auch entdeckt und das gebräuchlichere Calimocho draus gemacht. Und irgendwo auf diesem Weg hat sich wohl ein Deutscher auf die Iberische Halbinsel verirrt und die Kalte Muschi mit nach Hause gebracht.
Was man also so trinkt, wenn man jung ist. Jede Generation scheint ihre eigenen Getränke zu haben.
Zu meiner Zeit war Blue Curacao total in. Oder in einer Disco in Lüneburg – ja, früher hießen die Clubs noch Discos – mit dem kreativen Namen Garage, da habe ich mal einen Trash-Cocktail getrunken.
Vielleicht waren es auch zwei.
In einem kegelförmigen Glas, ähnlich einem Martini-Glas. Nur größer. Mit einem kleinen Papierschirmchen und bunten Eiswürfeln. Der fluoreszierte sogar im Schwarzlicht. Ganz toll im Club. Und danach nicht mehr so toll im Kopf.
Später bin ich auf Bier umgestiegen. Bier hat einen entscheidenden Vorteil: Bevor man zu viel davon trinkt, schmeckt es scheußlich. Bier lässt sich für mich viel besser dosieren. Man lernt doch aus seinen Erfahrungen.
Und immer klingeln die Worte meiner Oma in meinen Ohren: Gott sieht alles.
Oder auf heute übersetzt: Tu nichts, wobei du nicht fotografiert werden möchtest.
Kalte Muschi also. Kein Wunder, dass der Fleck nicht rausgeht. Der Fleck bedarf einer schärferen Behandlung. Das Mittelkind hat das Top schon aufgegeben.
Ich aber nicht. Ich entwickele jetzt Ehrgeiz. Außerdem gibt es da noch die alte Flasche Klorex. Vielleicht schaffe ich dieses Mal die richtige Mischung zwischen Fleck weg und keine Löcher. Ich nehme die Sprühflasche, schnüffele noch mal vorsichtig, so wie ich es im Chemieunterricht gelernt habe, es riecht nach spanischer Sauberkeit, und sprühe beherzt über das Top.
Der Fleck verfärbt sich schlagartig rosa.
Na herzlichen Glückwunsch.
Ich werfe das Top trotzdem noch mal in die Maschine und gehe.
Am nächsten Morgen ist es wie von Zauberhand reinweiß. Auch gegen das Licht.
Keine Kalte Muschi mehr.